Land und Leute/ Vorurteile
Vorurteile gegenüber den USA und deren Bevölkerung
Alle Deutschen sind streitsüchtig, arbeitswütig, überpünktlich, ernähren sich nur von Bier und Schweinehaxe und laufen grundsätzlich in Lederhosen und Dirndl herum.
Kaum ein Deutscher wird sich mit dieser stereotypischen Beschreibung identifizieren können. Jedoch hegen viele Europäer oft genau solche Vorurteile gegen die Bewohner der Vereinigten Staaten. So heißt es nur zu oft: „Die Amis sind doch eh alle dumm – und fett sowieso“. Des Weiteren gelten die US-Bürger als oberflächlich, sowie als politikverdrossen und desinteressiert an anderen Ländern. Auch heißt es, dass die Menschen über dem Atlantischen Ozean, die allesamt Bush-Anhänger sind, den ganzen Tag in ihren riesigen, mit Klimaanlage ausgestatteten Autos durch die Gegend fahren und zwischendurch den Drive-through des nächstbesten Fast-Food-Restaurants passieren.
Genauso wenig wie die Deutschen werden sich wohl die Amerikaner mit den Vorurteilen identifizieren können, mit denen sie des Öfteren beschrieben werden – und dies zu recht. Im Folgenden wird beschrieben, wie das Verhalten der US-Amerikaner häufig nur fehlinterpretiert wird und wie die Verhaltensweise Einzelner oft auf die Mehrheit projiziert wird.
Zunächst zu der Idee, die Bürger der USA seien alle „fett und dumm“. Zwar ist bewiesen, dass mehr als zwei Drittel der Bevölkerung an Übergewicht leiden, jedoch sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass auch der „Fitness-Wahn“ nicht unpopulär ist und viele sehr auf ihre Gesundheit und Ernährung achten. Generell ist zu sagen, dass die USA ein Land des Überflusses sind und somit alles überdimensional groß ist – auch die Essensportionen. Außerdem ist es eine Tatsache, dass es in den Vereinigten Staaten mehr Fast-Food-Ketten gibt als in irgendeinem anderen Land der Welt, denn Zeit ist ja bekanntlich Geld. Dennoch macht dies die Amerikaner nicht zu schlechteren Menschen.
Das Vorurteil, dass der typische Amerikaner nicht nur fett, sondern auch dumm sei, lässt sich nicht belegen. Diese Idee kommt wohl bei vielen auf, da in vielen US-amerikanischen Schulen und Universitäten nicht so anspruchsvolle Tests und Klausuren geschrieben werden, wie es in Deutschland der Fall ist. Wer daraus allerdings schließt, dass der IQ der Bewohner des Nordamerikanischen Kontinents unter dem Durchschnitt liegt, der sollte sich einmal vor Augen führen, dass die USA die Heimat der besten und renommiertesten Universitäten der Welt sind. Auch in der Pisa-Studie schneidet Deutschland nicht bedeutend besser ab als die USA.
Ein weiterer Grund anzunehmen, die US-Bürger seien dumm, ist die Tatsache, dass diese oft geographisch nicht sehr bewandert sind. Selten verfügen sie über ein Allgemeinwissen über andere Länder, geschweige denn wissen Näheres über deren Kulturen und Umgangsformen. Ein Sprachschüler, der einmal in ein längeres Gespräch mit einem Einheimischen verwickelt ist, wird jedoch die Erfahrung machen, dass diese großes Interesse an dessen Herkunft und Heimatland zeigen und viele Fragen stellen. Viele US-Amerikaner würden gerne mehr über andere Länder und Kulturen lernen, bekommen aber weder die Möglichkeit in der Schule noch die Informationen in den Nachrichten geboten. Zu ihrer Schulausbildung gehört auch oft nicht das Lernen einer Fremdsprache und da Englisch eine Weltsprache ist, sehen Viele auch nicht ein, die Mühe dafür aufzubringen. Auch reisen Amerikaner selten in andere Länder, da sie die Vielfalt ihres eigenen Landes direkt vor der Haustür haben. Somit bleibt ihnen der Einblick in andere Kulturen verwährt.
Zu dem Vorurteil, jeder US-Amerikaner sei ein Bush-Anhänger und somit Republikaner, ist zu sagen, dass nur etwa 50% der Bevölkerung George W. Bush zum Präsidenten wählte. Im Jahr 2000 bekam sogar Al Gore insgesamt mehr Stimmen der Bürger, George W. Bush aber gewann die wichtigen Staaten für sich und wurde somit Präsident. Auch die Demonstrationen zehntausender US-Amerikaner gegen den Irak-Krieg vor dem Weißen Haus in Washington D.C. zeigten, dass bei Weitem nicht jeder Bürger mit der Politik des Landes zufrieden ist.
Der stereotypische Amerikaner wird gerne als falsch oder oberflächlich bezeichnet. Der Grund dafür ist womöglich die extreme Freundlichkeit, mit der einem ein Amerikaner oft begegnet und die für Europäer, insbesondere für Deutsche, oft ungewohnt ist. Natürlich wollen Amerikaner auf die Frage: „How are you?“ nicht wirklich eine nähere Erläuterung der aktuellen persönlichen Gefühlslage hören. Dennoch ist dies für sie lediglich selbstverständliche Höflichkeit. Außerdem bekommt man in den Vereinigten Staaten um einiges häufiger Komplimente zu hören als in Deutschland. Doch auch dies ist reine Höflichkeit und der Sprachschüler, der sich darauf einstellt, wird dies schon bald genießen können. Im Prinzip sind Befindensnachfragen und Komplimente nichts Negatives, sondern einfach fremd für Deutsche, die mit Höflichkeiten ja bekanntlich etwas sparsamer sind.
Generell kann man das Verhalten eines Volkes natürlich nie verallgemeinern. Sprachreisenden wird der Umgang mit den Amerikanern leichter fallen, wenn sie von vornherein schon einmal ein paar Vorurteile abbauen oder, noch besser, ohne jegliche Verurteilungen und ganz unbefangen ihre Sprachreise antreten. Ein paar Vorurteile werden dann im Land vielleicht bestätigt, andere wiederum nicht. Allgemein wird man seine ganz individuellen Erfahrungen machen, unabhängig von jeglichen Vorurteilen, die man vorher zu Ohren bekommen hat.

